„Wenn es geregnet hat, wurde das Trikot schwerer und schwerer und schwerer. Zu unserer Zeit waren alle Trikots aus Baumwolle“, sagt Günther Schäfer und tippt mit zwei Fingern gegen das ikonische und leicht vergilbte Dinkelacker-Meistertrikot hinter der Glasscheibe. Peter Reichert entgegnet mit einem Lachen: „Und der Lederball erst! Beim Kopfball hast du gedacht, dir fliegt der Kopf weg.“
Auf der derzeit laufenden Ausstellung „Ein Trikot schreibt Geschichte“ im Schauspiel Stuttgart, gemeinsam realisiert mit der LBBW, erinnern sich die beiden VfB‑Legenden, heute beide als Teammanager der Lizenzspielerabteilung tätig, an längst vergangene Zeiten. Beim Anblick der alten Trikots werden diese schlagartig wieder präsent. Die beiden kennen sich seit Ende der 1970er‑Jahre, haben gemeinsam gespielt, gemeinsam Titel gefeiert und gemeinsam Niederlagen verdaut – und sind bis heute, fast 50 Jahre später, ein eingespieltes Duo.
„Mussten uns Trikots noch selbst kaufen“
Vor einer Vitrine mit einem Trikot aus den 1970ern bleiben Günter Schäfer und Peter Reichert stehen. „Günne“ deutet auf das Stück Stoff, als würde es ihn direkt zurück in seine Jugend katapultieren. Auf der Brust prangt groß der Sponsoren-Schriftzug „Frottesana“, der erste dieser Art auf den Trikots des VfB. „Ich war immer im A‑ und B‑Block“, erzählt er. „Direkt über dem Mundloch, weil ich so klein war. Das war die einzige Möglichkeit, was zu sehen.“ Peter Reichert grinst. „Ich war im D‑Block. Kein Hardcore‑Fan, aber ich wollte das Spiel sehen. Supporter war ich eher weniger.“
Als sie wenig später selbst das Brustring-Trikot überstreiften, war das – ganz anders als heute – noch mit einer gewissen Vorarbeit verbunden, erzählen die beiden. Denn während heute ganze Kartons mit Trikotsätzen direkt aus der Fabrik in den Fanshops und bei den Zeugwarten landen, mussten Günther Schäfer und Peter Reichert noch selbst losziehen, um an ihre Trikots zu gelangen. „Als ich 1975 in der C-Jugend zum VfB kam, mussten wir uns die Trikots noch selbst kaufen“, erinnert sich Günther Schäfer. „Dazu wurde man zu Breitmeyer auf die Königsstraße geschickt. Man hat dort neben Trikots auch Fußballschuhe kaufen können.“
Beim Blick durch die Vitrinen fällt auch das Trikot mit dem Canon-Schriftzug von Anfang der 1980er-Jahre ins Auge. Für beide ein besonderes, war es doch mit das erste, das sie als Profis trugen. Noch höher lässt die Herzen aber ein anderes Stück Stoff schlagen.
Der Brustringdress und seine unverkennbaren Merkmale
Denn nur ein paar Schritte weiter hängt das Meistertrikot von 1984. Die Stimmung wird ruhiger. Günther Schäfer beugt sich vor und mustert die Position des Adidas-Dreiblatt-Logos: „Das ist das Original. Das einzige Mal, dass es da unten ist.“ Und tatsächlich: Wer die zahlreichen Bilder von der Meisterfeier 1984 sieht, erkennt sofort, dass das Ausstatter-Logo nicht wie üblich über, sondern unter dem Brustring prangt. Er habe sich gleich fünf der Exemplare gesichert, sagt Günther Schäfer. Das wirft Fragen bei Peter Reichert auf, der zwar kein Trikotsammler sei, aber noch wisse, dass es damals nur zwei Trikots pro Spieler gab. Darüber, wie er an die anderen Trikots gekommen ist, lässt „Günne“ seinen langjährigen Wegbegleiter allerdings lachend im Dunkeln tappen.
Eine weniger emotionale Verbindung entfachte das lediglich einmal getragene Flieder-Trikot aus dem Frühjahr 1991 bei den beiden VfB-Legenden. Vielmehr erinnern sich Peter Reichert und Günther Schäfer an die Häme, die der lilafarbene Hingucker aus dem Spiel bei Wattenscheid 09 (2:2) zur Folge hatte. „An das erinnere ich mich“, lacht Günther Schäfer laut. „Die Leute haben gesungen: ‚Rot steht mir nicht! Nein, bitte lila, bitte lila!‘“ Der Auszug stammt aus dem Lied „Lila Tilla“ aus dem Jahr 1976. Gesungen hat dies niemand geringeres als Wolle Kriwanek, aus dessen Feder auch die VfB-Hymne „Stuttgart kommt“ stammt.
Als die beiden gehen wollen, wird es noch einmal kurz ernst, denn es geht um das Thema Tradition. Peter Reichert sagt beim Anblick des Sondertrikots zum einhundertjährigen Jubiläum des Brustrings: „Der Brustring ist zeitlos. Wenn der weg ist, ist der VfB weg.“ Günther Schäfer stimmt ihm zu. „Egal welcher Sponsor. Der Brustring muss bleiben.“ Und weiter: „Auch das Wappen ist ein Heiligtum. Dass man das nicht mehr ändern darf, finde ich großartig.“
Ausstellung noch bis Sonntag, 10. Mai 2026, besuchen
Ort: Die Ausstellung befindet sich im Schauspiel Stuttgart. Die Adresse lautet: Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart.
Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist montags bis freitags von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. An Samstagen ist sie von 10 Uhr bis 14 Uhr besuchbar. Am Freitag, 1. Mai 2026, bleibt die Ausstellung feiertagsbedingt geschlossen.
Eintritt: Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Eine Spende zugunsten der VfB Stiftung „Brustring der Herzen“ ist vor Ort möglich.