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Club 24. April 2026

„Die Leute wussten, dass ich gleich abziehe“

Karl Allgöwer schoss in der Bundesliga 129 Tore für den VfB und ist damit auch 35 Jahre nach dem Ende seiner Karriere Rekordtorschütze des Clubs aus Cannstatt im Oberhaus. Im Interview spricht der Deutsche Meister von 1984 über seinen Spitznamen „Knallgöwer“, besondere Heimspiele und den ersten Besuch in der MHP Arena.

Hallo Karl, am Sonntag bestreitet der VfB gegen Werder Bremen sein 1000. Bundesliga-Heimspiel in der MHP Arena. Welche Spiele im weiß-roten Wohnzimmer sind dir aus deinen elf Jahren als VfB-Profi in Erinnerung geblieben?

Karl Allgöwer: „Da gibt es einige. Besonders hängen geblieben sind die Spiele gegen Werder Bremen im Mai 1986 und das erste Stadtderby gegen die Kickers im August 1988. Gegen Bremen habe ich beim 2:1 beide Tore erzielt. Das war das Spiel, dank dem der FC Bayern am letzten Spieltag Deutscher Meister wurde. Und gegen die Kickers habe ich per Elfmeter das 1:0 erzielt. Das Derby war besonders, weil die Kickers gerade aufgestiegen waren und in der Stadt eine richtige Euphorie herrschte. Unsere Vereinsführung hatte Angst, dass sie uns überholen könnten. Für uns Spieler war das aber kein Problem, denn wir wussten: Die haben noch nie vor 65.000 oder 70.000 Zuschauern gespielt. Wir haben sie dann praktisch überrollt. Das Spiel war nach zehn Minuten eigentlich entschieden, auch wenn es noch 0:0 stand. Am Ende haben wir 4:0 gewonnen. Mir sind aber auch Spiele in anderen Wettbewerben in Erinnerung geblieben, zum Beispiel das UEFA-Cup-Halbfinale 1989 gegen Dynamo Dresden. Beim 1:0-Heimspielsieg habe ich den einzigen Treffer erzielt und auch beim 1:1 im Rückspiel zur Führung getroffen, sodass wir ins Finale eingezogen sind.“

Kannst du dich an dein erstes Spiel im VfB-Trikot erinnern?

Karl Allgöwer: „Ja, das war 1980 auf dem Betzenberg. Der war damals gefürchtet. Die haben uns die Knochen poliert. Da dachte ich: ‚Bundesliga ist nichts für mich.‘ Wir haben am Ende auch verloren. Der Betzenberg war die Hölle, aber man musste einmal im Jahr hin, dann hatte man es hinter sich.“

Seit deinem Karriereende Anfang der 1990er-Jahre hat sich in der Welt des Fußballs und auch beim VfB vieles verändert. Unangetastet blieb seither aber der Spitzenplatz in der Bundesliga-Torjägerliste des VfB, der nach wie vor dir gehört. Welches deiner 129 Tore im Oberhaus ist dir am meisten in Erinnerung geblieben und warum?

Karl Allgöwer: „Mein erstes Bundesliga‑Tor gegen Köln war etwas Besonderes. Ich wurde eingewechselt, und vor 40.000 oder 50.000 Zuschauern zu treffen, ist ein anderes Gefühl als vor einer bedeutend kleineren Kulisse. Das war im Übrigen nur wenige Tage nach meinem Debüt auf dem ‚Betze‘. Mein letztes Bundesliga-Tor im Juni 1991 – ebenfalls gegen den 1. FC Köln – wurde im Nachgang zum „Tor des Monats“ gewählt. Ein weiteres schönes Tor habe ich im Pokal gegen den VfL Bochum erzielt. Es war ein eiskalter Winterabend und im Stadion waren nur 10.000 Zuschauer. Wir lagen nach einer Stunde mit 0:2 hinten, waren aber drückend überlegen. In der letzten Minute, mittlerweile stand es 1:2, gab es einen Freistoß für uns von der Seite. Ich dachte mir: ‚Die Flanke bringt eh nichts, ich halte einfach drauf.‘ Der Ball ging rein, wir kamen in die Verlängerung und sind schließlich weitergekommen.“

Du warst nicht nur dank des Ausgleichstreffers in Bochum für deinen harten Schuss bekannt und bei Gegnern gefürchtet. Er brachte dir auch den Spitznamen „Knallgöwer“ ein. Hast du jahrelang an deiner Technik gefeilt oder warst du einfach mutig?

Karl Allgöwer: „Ich habe bereits in der Jugend viele Tore aus der Distanz gemacht. Das war schon früh so und ich habe es immer weiter trainiert. Meine Trainer haben gesagt: ‚Du hast eine gute Schusstechnik, da musst du dranbleiben.‘ Dahinter steckte somit weniger Talent, sondern eher Fleiß. Ich hatte oft das Gefühl, dass, wenn ich 20 Meter vor dem Tor bin und keiner sich reinstellt, ich den Ball gut platzieren kann. Mit den Jahren wurde es schwieriger, weil sich die Gegner darauf eingestellt haben. Aber ich hatte nie Angst zu schießen. Viele trauen sich ja nicht, weil sie denken, sie schießen den Ball in die Wolken und werden ausgepfiffen. Bei mir war es irgendwann so, dass ein Raunen durchs Stadion ging, wenn ich 30 Meter vorm Tor den Ball bekam. Die Leute wussten, dass ich gleich abziehe. Das hat motiviert.“

Fritz Walter verließ den VfB drei Jahre nach dir mit nur 27 Bundesliga-Toren weniger auf dem Konto. Hat dich einmal die Sorge umtrieben, von ihm eingeholt zu werden?

Karl Allgöwer: „Nicht wirklich. Es stört mich nicht, dass der Rekord noch steht, aber man darf die Zeiten nicht vergleichen. Heute bleibt kaum ein Spieler zehn oder elf Jahre bei einem Verein. Ich glaube, mein Rekord wird in meinem Leben nicht mehr gebrochen. Ich habe elf Jahre für meine Ausbeute gebraucht, aber heute wechseln die Spieler früher und Berater wollen oft noch einen großen Vertrag herausholen. Vereinstreue ist nicht mehr wie früher.“

Waren Statistiken zu deiner aktiven Zeit wichtig?

Karl Allgöwer: „Man hat schon auf die Torjägerliste und die Torjägerkanone geschielt. Es hat das Spiel nicht beeinflusst, aber man hat es beachtet. Und natürlich wollte man in der Tabelle immer weiter nach oben.“

Wie hat sich unsere Heimspielstätte über die Jahre verändert?

Karl Allgöwer: „Gleich geblieben sind eigentlich nur die Spielfeldgröße und die Tore. Das Spielfeld ist um etwa 1,50 Meter tiefergelegt worden und auch die Form hat sich verändert. Ich habe das alte Stadion geliebt, dieses Oval war außergewöhnlich. Für die Fans in der Kurve war es früher aber nicht komfortabel. Heute stehen sie viel näher am Spielfeld, das ist eine große Verbesserung. Früher war aber alles ein bisschen familiärer. Der Businessbereich war kleiner und überschaubar. Heute ist er riesig. Das will ich gar nicht für gut oder schlecht befinden, es ist einfach anders.“

Kannst du dich noch an das erste Spiel erinnern, das du in der MHP Arena gesehen hast?

Karl Allgöwer: „Ja, allerdings war es kein VfB-Spiel, sondern ein Länderspiel zwischen Deutschland und Österreich im Jahr 1965. Ich stand mit meinem Vater in der Cannstatter Kurve und hatte einen kleinen Hocker dabei, damit ich etwas sehen konnte. Deutschland hat 4:1 gewonnen. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich dort einmal selbst spielen würde.“