Thomas, das Jahr 2021 liegt hinter uns. Nun beginnt auch aus sportlicher Sicht demnächst das Jahr 2022. Wie wichtig waren ein paar ruhigere Tage für dich?
Thomas Krücken: „Das Jahr war für uns alle sehr intensiv und herausfordernd. Ich war froh, ein paar ruhige Tage mit der Familie zu verbringen.“
Es war erneut wegen Corona kein normales Jahr …
Thomas Krücken: „Wir haben in den Lockdown-Phasen trotzdem sehr intensiv in den Fachbereichen die inhaltliche Weiterentwicklung vorangetrieben. Ab Sommer ging es dann um deren Umsetzung auf dem Platz. Die Struktur mit unseren Ausbildungsleitern für die Bereiche U21-U17, U16-U14 sowie U13-U11 kommt der Trainer- und Spielerentwicklung zu Gute und ich freue mich über die gelungene Umsetzung unserer Themen im Alltag. Die inhaltliche Umsetzung unseres Potenzialtrainings oder unser Multi-Sport-Konzept sind mittlerweile fester Bestandteil unseres Ausbildungsalltags.
Unsere drei Kaderplaner arbeiten gemeinsam mit den regionalen Scouts daran, die besten Talente Baden-Württembergs und Süddeutschlands zu identifizieren. Dabei hilft unser Netz an Partnervereinen, das wir flächendeckend auf- und ausgebaut haben. Zudem sind wir eine Kooperation mit Advance.Football eingegangen. Durch diese Videoplattform können wir den Trainern in den Partnervereinen hochwertig Trainingsformen aus unserem Portfolio bereitstellen. Zudem werden sie durch Fortbildungsangebote weiter qualifiziert.
Was ich auch noch herausheben möchte, ist, dass alle unsere Abschlussschüler in unseren Mannschaften wieder ihre Abschlüsse geschafft haben. Mein Dank an unsere Lehrkräfte und Kooperationspartner, allen voran das Kolping Bildungswerk, die hervorragende Arbeit leisten.“
Das gesamte NLZ war wieder zu einer dreitägigen Klausur in Wangen. Was kam dabei heraus?
Thomas Krücken: „Auf unserer diesjährigen NLZ-Klausurtagung haben wir gemeinsam ein ‚Exzellenzmodell‘ entwickelt, das wir zum ‚Mitarbeiterfeedback sowie zur Mitarbeiterentwicklung‘ einsetzen werden. Die Dynamik und Bereitschaft der knapp 60 Kollegen, sich zum einen auf diesen intensiven Prozess zur Entwicklung des Modells einzulassen und zum anderen sehr detaillierte Ergebnisse zu erarbeiten, macht mich stolz.“
Können wir uns denn schon auf den kommenden Bundesligaspieler im VfB-Trikot freuen, der schwäbisch spricht?
Thomas Krücken: „Es steckt in unserer DNA, dass wir uns bei der Suche in erster Linie lokal und regional orientieren, erst in zweiter Instanz unseren Sichtungsradius erweitern, indem wir national und auch zum Teil international sichten. Aktuell arbeiten wir mit zwölf Partnervereinen zusammen, die sich in einem Umkreis von 100 Kilometern befinden. Wir decken damit ein Gebiet von 5,8 Millionen Menschen ab. 15 regionale Scouts sollen dafür sorgen, dass wir junge Talente möglichst frühzeitig identifizieren. Einmal pro Woche bieten wir in unseren Satellitenvereinen eine Trainingseinheit an, die von VfB-Coaches geleitet wird. So schaffen wir frühzeitig eine Verbindung zu uns und lassen die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld. Zudem ist unser regionaler Fahrdienst neu, um die Familien unserer Talente zu unterstützen. Ich bin überzeugt, dass wir wieder eigene Talente in den Bundesligakader bringen werden – aber wir müssen Geduld haben.“
Es wird viel von der Durchlässigkeit vom Nachwuchs zum Bundesligateam gesprochen. Der Austausch scheint zu funktionieren?
Thomas Krücken: „Absolut! Jeden Donnerstag sitzen Cheftrainer Pellegrino Matarazzo, Co-Trainer Peter Perchtold, Frank Fahrenhorst, Nico Willig, Michael Stügelmaier und ich zusammen und sprechen über die Talente im Übergangsbereich. Im Rhythmus von sechs bis acht Wochen ziehen wir dem Leistungsprinzip folgend unsere auffälligsten U16- bis U18-Talente in einer Trainingseinheit unter der Leitung von Nico Willig und Daniel Teufel zusammen. Dort können sie sich vor den Kollegen der Lizenzabteilung zeigen. Die Türe zur Lizenzabteilung steht weit offen für unsere Talente.“
Ein paar Talente haben diese Türe weit aufgestoßen und sind hindurchgegangen.
Thomas Krücken: „Mit Florian Schock als drittem Torhüter, Lilian Egloff, Mo Sankoh und zuletzt Alexis Tibidi gehören aktuell vier Spieler zum Bundesligakader. Schade ist, dass Li Egloff fast ein ganzes Jahr verletzt war. Er wird jetzt über die U21 wieder herangeführt. Ebenso bitter ist die schwere Knieverletzung von Mo Sankoh am ersten Bundesligaspieltag. Wie er hat auch Alexis Tibidi einen ähnlichen Weg genommen. Er kam im Sommer zur U19, benötigte eine gewisse Zeit zur Eingewöhnung und durfte sich nach guten Leistungen im Training der Profis beweisen. Dies hat er gut gemacht, sodass er schon ein paar Bundesligaminuten vorweisen kann. Auch Jordan Meyer fällt leider noch weiter aus und arbeitet hart an seiner Rückkehr.“
Im Umkehrschluss fehlt Alexis aber bei der U19. Die Mannschaft von Trainer Nico Willig überwintert auf Platz zwei in der A-Jugend Bundesliga und steht im DFB-Pokal Halbfinale. Die Chance auf einen Titel ist weiter intakt oder ist die individuelle Förderung wichtiger?
Thomas Krücken: „Individuelle Ausbildung und Förderung schließt ja nicht aus, dass wir gewinnen wollen. Wenn einzelne Spieler Fortschritte machen, wird die Mannschaft auch insgesamt besser – diese Entwicklung ist deutlich erkennbar. Und das darf sich auch im Gewinn von Titeln niederschlagen. Die Art und Weise wie die Mannschaft auftritt sowohl in der Meisterschaft, als auch im DFB-Pokal, ist genauso wie wir es uns auf die Fahnen geschrieben haben: offensiv.mutig.jung.“
Das trifft auch auf die U17 zu, die als Tabellenführer in der B-Junioren Bundesliga überwintert. Wie sehr freust du dich über das Abschneiden der Jungs von Markus Fiedler?
Thomas Krücken: „Die Mannschaft ist nach 13 Spielen weiter ungeschlagen und steht absolut zu Recht auf dem ersten Tabellenplatz. Die Jungs entwickeln sich sehr gut, man sieht, dass eine Einheit auf dem Platz steht, in der sich jeder für den anderen einsetzt. Die Mannschaft ist nach einer bereits überzeugenden Vorbereitung dominant aufgetreten und hat mehrere Highlights gesetzt. Wie stark dieser Kader ist, zeigt auch, dass mit Dennis Seimen, Alexandre Azevedo, Samuele di Benedetto, Luca Raimund und Laurin Ulrich gleich fünf Spieler für den Lehrgang der deutschen U17 im Januar nominiert wurden. Paulo Fritschi fehlt noch verletzungsbedingt. Zudem sind Laurin Preuß und Nuredin Rexhepi bei der deutschen U16 mit dabei.“
Nicht wie erhofft fällt die Bilanz dagegen bei der U21 aus. Die Mannschaft von Trainer Frank Fahrenhorst überwintert in der Regionalliga Südwest auf dem 14. Tabellenplatz. Wo liegen die Gründe?
Thomas Krücken: „Wir hatten phasenweise bis zu zehn verletzungs- und coronabedingte Ausfälle, das soll aber keine Ausrede sein. Oft haben wir unser Potenzial nicht über 90 Minuten abgerufen, Gegentore durch individuelle Fehler oder Unachtsamkeiten vor allem bei Standards bekommen. Wir nehmen die Tabellensituation ernst, deuten die Gründe für unsere Lage richtig und werden konzentriert weiterarbeiten. Wir gehen optimistisch in die Rückrunde, die für zweite Mannschaften erfahrungsgemäß besser läuft, da sich die jungen Spieler besser an den Männerfußball gewöhnt haben.“
Ein ausführliches Interview mit Thomas Krücken und dem VfB-Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger zur Entwicklung des NLZs lesen VfB-Mitglieder in der aktuellen Dunkelrot.