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Profis 29. August 2025

„Der Brustring gehört zum VfB“

Guido Buchwald und Pascal Stenzel haben viel beigetragen zur Geschichte des VfB. Nun kommen mit dem zweifachen Deutschen Meister und dem Pokalsieger zwei Fußballgenerationen anlässlich „100 Jahre Brustring“ zum Doppelinterview zusammen.

Auf dem Rasen in der MHP Arena sind mehrere Trikots vergangener Zeiten zurechtgelegt, dazu alte Stadionmagazine und Wimpel historischer Begegnungen. Guido Buchwald, Weltmeister 1990 sowie Deutscher Meister 1984 und 1992, und Pascal Stenzel, DFB-Pokalsieger 2025, schauen sich um und staunen. Viel haben der 64 Jahre alte Ehrenspielführer und der 29 Jahre alte Defensivakteur zur Vergangenheit und Gegenwart des VfB beigetragen – doch mit einer Anekdote überrascht sie Dr. Florian Gauß: Der Vereinshistoriker berichtet, dass die Jungs aus Cannstatt erstmals am 30. August 1925 ein Trikot mit dem roten Brustring trugen. Vor exakt 100 Jahren. Der perfekte Anlass, um mit Guido Buchwald und Pascal Stenzel zwei unterschiedliche Fußballgenerationen zum Doppelinterview zusammenzubringen.

Hallo Guido und Pascal, mit eurer jeweiligen Fußballkarriere sind unterschiedliche Jahrzehnte verbunden. Was hättet ihr gerne aus der Zeit des jeweils anderen?

Guido: „Bei uns bestand ab Oktober, November der Strafraum oftmals nur noch aus Sand und Erde – daher würde ich die Rasenplätze aus heutiger Zeit bevorzugen (lacht). Das ist schon sensationell, auf was für einem gepflegten Rasen die Jungs heute zu praktisch jeder Jahreszeit kicken können. Und das Zweite sind die reinen Fußballstadien. Keine Laufbahn, stattdessen Arenen für oftmals 50.000, 60.000 Fans und Stimmung in jeder Ecke. Das begeistert mich immer wieder, wenngleich wir zu unserer Zeit auch eine tolle Atmosphäre im Stadion genießen durften.“

Pascal: „Ich habe die Zeit von Guido aufgrund meines Alters nicht aktiv verfolgen können, sondern kenne sie vor allem aus verschiedenen TV-Rückblicken. Mein Eindruck ist, dass bei seiner Generation der reine Fußball viel mehr im Vordergrund stehen konnte. Das finde ich schön und würde ich gerne mal erleben. Heutzutage ist der gesamte Rahmen viel größer, es gehören viel mehr Bereiche dazu, aber natürlich sorgt all das auch für die vollen Stadien und das riesige Interesse, was uns freut und es so besonders macht.“

Über all die Jahrzehnte hinweg hat den VfB stets eins geprägt: der Brustring. Rund um das Bundesliga-Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach feiern der Club und seine Fans „100 Jahre Brustring“. Was bedeutet der Brustring für euch?

Guido: „Für mich ist der Brustring das zentrale Erkennungsmerkmal des VfB. Wenn man an unseren Club oder die vielen Trikots über all die Jahre hinweg denkt, ist diese Verbindung sofort im Kopf. Der Brustring ist eine ‚Marke‘, die nicht künstlich erschaffen wurde, sondern durch Tradition gewachsen ist und bis heute total gelebt wird. Das ist in der Form einzigartig.“

Pascal: „Als ich noch nicht für den VfB spielte, nahm ich den Brustring zwar wahr, aber wusste nur grob über dessen Bedeutung Bescheid. Mittlerweile ist das anders: Mit jeder Saison, die ich hier bin, habe ich mehr über den Club, seine Tradition und die Menschen in der Region lernen dürfen. Mir ist diese Identifikation wichtig – und ich empfinde es als etwas Besonderes, ein Trikot tragen zu können, mit dem viele Menschen so viele Geschichten, Höhen und Tiefen verbinden. Der Brustring gehört zum VfB.“

Pascal, woran nimmst du als aktiver Spieler wahr, dass du für einen Traditionsverein auflaufen darfst?

Pascal: „Wucht, Größe, Erwartungshaltung. Das sind schon Themen, mit denen sich Traditionsvereine von anderen Standorten abheben – und mit denen man erst einmal klarkommen muss, im Erfolgs- wie auch im Misserfolgsfall. Als ich im Alter von 23 Jahren die Option hatte, nach Stuttgart zu wechseln, habe ich bewusst ein paar Tage darüber nachgedacht: Der VfB war gerade abgestiegen, es war eine unruhige Zeit. Die Gespräche mit den Verantwortlichen waren jedoch so gut, dass ich diesen Schritt machen und an der Herausforderung wachsen wollte. Inzwischen kann ich sagen, dass ich von der 2. Liga bis zur Champions League und dem DFB-Pokalsieg alles miterlebt habe. Es ist eine außergewöhnliche Reise.“

Guido, mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1984 und 1992 haben deine Teamkollegen und du einen großen Anteil an der heutigen Strahlkraft des VfB. Inwiefern war dir das als Spieler bereits bewusst?

Guido: „Für einen Verein wird ein Titelgewinn immer eine große Rolle spielen. Ich habe damals in erster Linie wahrgenommen, wie viele Menschen in Stuttgart fröhlich zusammenkamen und wie viele Fans wir mit unseren Erfolgen glücklich gemacht haben. Das hatte nicht nur für die Region einen hohen Stellenwert, sondern stärkte die Position des VfB weit über das Schwabenland hinaus. Und für einen Traditionsverein ist es immer wichtig, dass neue Erfolgsgeschichten hinzukommen.“

Ein solch neues Kapitel wurde zuletzt mit dem Erreichen der UEFA Champions League und dem DFB-Pokalsieg geschrieben. Was sind die Gründe für die Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Guido: „Es gehören meistens viele einzelne Puzzleteile zusammen. Aber ganz vereinfacht gesagt: Es herrscht weitestgehend Ruhe im VfB, es wird in der Führungsriege an einem Strang gezogen, der Club kann seine Arbeit machen – und macht das momentan richtig gut. Pascal hat es vorhin angesprochen, dass er auch schon andere Phasen kennengelernt hat.“

Pascal: „Rückschläge sind im Fußball normal, es kann nicht immer nur bergauf gehen. Als Spieler versuche ich, mich auf den Sport zu konzentrieren und gewisse Nebengeräusche auszublenden – aber es ist doch klar, dass es insgesamt leichter fällt und mehr Spaß macht, wenn es auch im Umfeld passt. Speziell unter Sebastian Hoeneß als Cheftrainer haben wir einen Weg eingeschlagen, der nicht von einzelnen Spielen und Resultaten abhängt, sondern auch die Weiterentwicklung im Blick hat. Wir wollen uns immer weiter verbessern, versuchen, einfach dranzubleiben und hart für unseren Weg zu arbeiten.“

Guido: „Und genau das merkt man auch. Ich habe den Eindruck, dass beim VfB wieder ein Team auf dem Rasen steht. Das mag ein weiterer Schlüssel sein, der auch zuversichtlich auf die Zukunft blicken lässt. Jeder Profi sucht logischerweise seinen Platz in der Startaufstellung, muss aber auch seine Rolle anerkennen und annehmen. Das moderieren Sebastian Hoeneß und sein Trainerteam gut.“

Ist dieser genannte Teamspirit etwas, das damals wie heute erfolgreiche Mannschaften kennzeichnet?

Guido: „Definitiv. Wenn ich an unseren Weltmeister-Titel 1990 mit Deutschland denke, war die Nummer 18, 19, 20 im Kader genauso wichtig wie ein Stammspieler. Es war ein hoher gegenseitiger Respekt vorhanden und auf dieser Basis hat jeder Spieler sein Bestmögliches für den Mannschaftserfolg geleistet. Dies lässt sich genauso auf Vereinsmannschaften der heutigen Zeit übertragen: Die besten Einzelspieler und ‚Stars‘ werden nur erfolgreich sein, wenn sie sich auch als Team begreifen und füreinander arbeiten.“

Pascal, das erste Heimspiel steht bevor. Mit Borussia Mönchengladbach gastiert ein herausfordernder Gegner in der MHP Arena. Was habt ihr euch für die neue Saison vorgenommen?

Pascal: „Ich sehe tagtäglich, wie hart wir für unsere Ziele arbeiten und welch Qualitäten wir in unseren Reihen haben. Wichtig ist, dass wir all das auf den Rasen bekommen und auch in unterschiedlichen Situationen abrufen können. Wenn uns das gelingt, können wir eine gute Saison spielen und den Fans viel Freude machen.“

100 Jahre Brustring: Was wünscht ihr dem VfB für die nächsten zehn Jahre?

Guido: „Ich würde mich enorm freuen, wenn wir die Power von Stadt und Region sowie von Fans und Umfeld weiterhin so konsequent nutzen wie derzeit. Für mich gehört der VfB mit seiner Tradition und seinen Erfolgen zu den vier größten Clubs in Deutschland, aber es ist sportlich und wirtschaftlich eine große, große Aufgabe sich dauerhaft wieder in diesem Kreis festzusetzen. Deswegen gilt für die nächsten Jahre: Weiterhin bescheiden und fleißig arbeiten, sportlich ambitioniert bleiben und mit Stolz den Brustring tragen.“

Pascal: „Ich möchte gar nicht zu groß denken, sondern im Hier und Jetzt bleiben. Wir sollten das fortsetzen, das den VfB die vergangenen zwei, drei Jahre stark gemacht hat und einen Schritt nach dem anderen gehen. Und zwar als Gemeinschaft mit den Fans zusammen. Die Basis, die hier vorhanden ist, gibt’s nicht so oft in Deutschland. Wenn wir den Kreis somit schließen möchten, dann wünsche ich dem VfB weiterhin Ruhe und Weitsicht, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Dann können die nächsten zehn Jahre echt gut werden.“

stadion aktuell | Bundesliga 2025/2026 | 2. Spieltag

Wer in den 48 Seiten des Stadionmagazins blättern und sich damit optimal auf das Heimspiel am Samstag, 30. August, 15.30 Uhr, gegen Borussia Mönchengladbach einstimmen möchte, kann ab sofort das E-Paper kostenfrei lesen oder sich die „stadion aktuell“ in der VfB-Magazine-App anschauen. Wie immer liegt die gedruckte Version der „stadion aktuell“ am Spieltag im Umgriff der MHP Arena aus.

Weitere Themen sind:

  • Schatzkästle: Lieblingstrikots von Guido Buchwald und Pascal Stenzel
  • Poster: Pascal Stenzel
  • Historie: 100 Jahre Brustring
  • Zu Gast: Borussia Mönchengladbach
  • VfB-Stiftung: Spendenschecks
  • Nachwuchs: Saisonvorschau
  • VfB-Frauen: Interview mit Jana Beuschlein

Übrigens: Für die VfB-Magazine „stadion aktuell“ und „dunkelrot“ steht eine eigene App namens „VfB-Magazine“ im App Store sowie im Google Play Store zum Download bereit. Jetzt herunterladen und gleich loslesen.