Hallo Niko, wie geht es dir und wie bist du bisher gesundheitlich durch die Saison gekommen?
Niko Kappel: „Ich bin im Hinblick auf Verletzungen sehr gut durch die Saison gekommen. Nach der WM im vergangenen Jahr musste ich zwar am Ellenbogen operiert werden, weil sich dort ein freier Gelenkkörper gebildet hatte. Das war nichts Dramatisches, musste aber gemacht werden. Seitdem lief alles richtig gut. Ich bin wieder sehr nah an mein Leistungsniveau herangekommen und insgesamt super zufrieden mit meiner Saison.“
Mit dem ISTAF Berlin wartet Ende August 2026 noch ein besonderes Event auf dich. Gehst du dort mit vollem Wettkampf-Fokus an den Start oder steht eher das Erlebnis im Vordergrund? Und was folgt anschließend noch auf deinem Wettkampfkalender?
Niko Kappel: „Das ISTAF ist für mich definitiv ein richtiger Wettkampf und nochmal ein absolutes Highlight. Im Olympiastadion in Berlin an den Start zu gehen, ist etwas Besonderes, und es ist eine Ehre, dort eingeladen zu werden. Wir nehmen das zu 1000 Prozent ernst. Die drei Zentimeter, die mir in diesem Jahr zu meinem Weltrekord fehlen, möchte ich mir dort auf jeden Fall noch holen. Danach ist die Saison für mich aber auf jeden Fall vorbei.“
Wie fällt denn dein sportliches Fazit kurz vor dem Ende der Saison aus?
Niko Kappel: „Ich bin super zufrieden. Wir konnten viel ausprobieren und haben nach der Ellenbogen-Reha genau die Entwicklung genommen, die wir uns erhofft hatten. Die Hallensaison habe ich komplett ausgelassen, der Einstieg in die Freiluftsaison war zunächst nicht ganz einfach. Aber danach bin ich richtig gut in Schwung gekommen und habe drei, vier starke Wettkämpfe abgeliefert. Unser Ziel war es, zum Saisonhöhepunkt topfit zu sein, und das haben wir erreicht. Mein Weltrekord liegt bei 15,07 Metern, dieses Jahr habe ich 15,04 Meter und 14,92 Meter gestoßen. Deshalb war es trotz der Vorgeschichte eine der besten Saisons meiner Karriere.“
Wie treibst du dich an, deinen eigenen Weltrekord immer wieder anzugreifen?
Niko Kappel: „Mich treibt vor allem die Frage an, wo meine persönliche Grenze liegt. Ich bin jetzt in der goldenen Zeit des Kugelstoßens, Anfang bis Mitte 30, und möchte das Maximum aus mir herausholen. Gleichzeitig interessiert mich, wie sich die Konkurrenz weiterentwickelt und was meine Leistungen in Zukunft wert sein werden. Unsere Disziplin ist noch vergleichsweise jung, erst seit 2004 paralympisch. Deshalb bin ich gespannt, ob sich die Kugelstoßer in 30 Jahren noch an meinen Weiten die Zähne ausbeißen oder ob sie darüber lachen. Ich hoffe natürlich, dass Ersteres der Fall ist.“
Du hättest in diesem Jahr eigentlich bei einer Europameisterschaft starten sollen. Warum ist das nicht passiert?
Niko Kappel: „Eine offizielle Begründung gibt es bis heute nicht. Lange galt Paris als möglicher Austragungsort, hat aber ebenso abgesagt wie andere potenzielle Gastgeber. Als möglicher Grund steht die Diskussion um die vollständige Wiederzulassung russischer Athleten im Raum, was für viele europäische Länder ein sensibles Thema ist. Ob das tatsächlich ausschlaggebend war oder am Ende auch finanzielle Aspekte eine Rolle gespielt haben, lässt sich nicht sagen. Ich finde es auf jeden Fall schade, dass die EM ausfällt und es keine klare Kommunikation dazu gibt. Während in anderen Kontinenten die Meisterschaften stattfinden, gibt es in Europa keinen Titelkampf. Das ist für uns Athleten schon frustrierend.“
Du arbeitest nichtsdestotrotz das ganze Jahr auf ein Großhighlight hin. Wie hast du die Absage verdaut?
Niko Kappel: „Es wird oft darüber diskutiert, dass der paralympische Sport mehr Sichtbarkeit braucht. Ich finde aber, jeder sollte zuerst seine eigenen Hausaufgaben machen und sich fragen: Was kann ich selbst dazu beitragen, die Situation zu verbessern? Natürlich hilft eine abgesagte Europameisterschaft dem Sport nicht weiter. Für mich persönlich war das Thema aber schnell abgehakt. Statt mich darüber zu ärgern, habe ich den Fokus auf das gelegt, was ich beeinflussen kann. Wir haben unsere Saison neu geplant, und kurz nach der Absage kam bereits die Einladung zum ISTAF Berlin. Dort erwartet mich mit 40.000 Zuschauern, einer tollen Atmosphäre und starker internationaler Konkurrenz ein hochklassiger Wettkampf. Darauf freue ich mich jetzt.“
Was stattgefunden hat, war die Leichtathletik-EM in Birmingham, unter anderem mit zwei VfB-Zehnkämpfern, die dabei auch im Kugelstoßen antreten. Tauschst du dich mit Sandrina Sprengel oder Leo Neugebauer über die Disziplin aus?
Niko Kappel: „Mit Sandrina habe ich regelmäßig Kontakt, weil wir uns fast täglich in der Halle oder auf dem Trainingsplatz sehen. Auch unsere Trainer tauschen sich eng aus. Mit Leo ist das aufgrund der räumlichen Distanz etwas schwieriger. Er lebt in Texas, ich in Stuttgart. Wenn wir uns treffen, sprechen wir deshalb oft weniger über den Sport als über alles, was drumherum passiert. Vielleicht ergibt sich aber in Zukunft auch mal ein Besuch bei ihm, gerade mit Blick auf die Paralympics in Los Angeles.“
Du arbeitest inzwischen mit einer Sportpsychologin zusammen. Wie kam es zu deiner Entscheidung? Was hat sich seitdem verändert? Welche Effekte spürst du da schon?
Niko Kappel: „Das größte Learning war für mich, den Mut zu haben, auf den eigenen Kopf und das eigene Gefühl zu vertrauen. Dabei hilft der enge Austausch mit Trainern und meiner Sportpsychologin. Wir verfolgen alle dasselbe Ziel: das Optimum herauszuholen. Mit Blick auf die WM und die Paralympics 2028 wollte ich nichts dem Zufall überlassen. Ich möchte unbedingt noch einmal Weltmeister werden und paralympisches Gold gewinnen. Die Zusammenarbeit läuft seit dem Frühjahr, der Sommer war sehr erfolgreich und ich bin froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Entscheidend ist, dass sie die richtigen Fragen stellt. Oft sind es nur ein paar Prozent oder ein paar Zentimeter, die am Ende den Unterschied machen.“
Was für Fragen meinst du?
Niko Kappel: „Die vielleicht spannendste Frage kam direkt in der ersten Sitzung. Ich habe gesagt, dass ich bei den Paralympics in Los Angeles Gold gewinnen möchte, gleichzeitig aber Zweifel hatte, ob ich mir dieses Ziel überhaupt so klar setzen darf. Nachdem sie dieses Ziel für absolut valide hielt, fragte sie mich: „Wer will denn Gold gewinnen – dein Kopf oder dein Herz?“ Diese Frage ist hängen geblieben. Gemeinsam haben wir herausgearbeitet, dass uns das Herz leitet und im täglichen Training antreibt. Es gibt die Richtung vor. Und oft merke ich schon in dem Moment, in dem die Kugel meine Hand verlässt, ob es ein guter Versuch war oder nicht. Dieses Gefühl ist enorm wichtig.“
Und bei deinem Weltrekord 2024 – hast du das gespürt?
Niko Kappel: „Ja, absolut. Beim Weltrekord 2024 hatte ich im gleichen Wettkampf bereits 14,94 Meter gestoßen, der Weltrekord lag damals bei 14,99 Metern. Im sechsten Versuch wusste ich direkt nach dem Abwurf: Der ist besser. In dem Moment habe ich mich schon gefreut. Ähnlich war es dieses Jahr bei den 15,04 Metern in Biberach. Ob am Ende 15,02, 15,04 oder 15,08 Meter auf der Anzeigetafel stehen, weiß man natürlich nicht. Aber ich habe sofort gespürt, dass es mein bester Versuch des Tages war.“
Niko Kappel:
Mein Ziel ist es, derjenige zu sein, der das Niveau vorgibt.
Trainierst du die Wartephasen eines Wettkampfs auch mit der Sportpsychologin? Beschäftigt dich die Konkurrenz im Wettkampf?
Niko Kappel: „Das kommt immer ein bisschen darauf an. Wenn ich gut drauf bin, ist die Konkurrenz für mich kein großes Thema. Wenn es nicht so läuft, beschäftigt sie einen natürlich schon. Für mich liegt die eigentliche Herausforderung aber woanders. Ich möchte gar nicht erst in diese Situation kommen. Mein Ziel ist es, derjenige zu sein, der das Niveau vorgibt. Daran arbeiten wir. Ich will mein Leistungsniveau so weit anheben, dass ich auch an einem schlechten Tag noch weit stoße. Und idealerweise gibt es diese schlechten Tage irgendwann gar nicht mehr.“
Du sprichst schon jetzt viel über Los Angeles 2028. Welche Rolle spielt auf diesem Weg die Weltmeisterschaft 2027 für dich?
Niko Kappel: Mit Blick auf die WM 2027 gehe ich mit genau demselben Ehrgeiz an den Start. Die nächsten beiden Jahre sind komplett auf die WM und die Paralympics in Los Angeles ausgerichtet. Gemeinsam mit meinen Trainern, meiner Sportpsychologin und meinem Physio haben wir einen klaren Plan entwickelt. Von der Wettkampf- und Terminplanung bis hin zum Tagesrhythmus wird alles darauf abgestimmt, die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen. Unser Ziel ist, dass ich mich zu 100 Prozent auf das Training konzentrieren kann. Wir sind mitten in diesem Prozess und verfolgen unseren Masterplan konsequent.“
Du hast große Ziele für Los Angeles 2028. Denkst du darüber hinaus schon an die Zeit nach deiner aktiven Karriere und könntest du dir eine Rolle als Trainer vorstellen?
Niko Kappel: „Ich bin ein Tüftler und beschäftige mich gerne mit Technik, Analysen und Details. Als Trainer sehe ich mich aktuell aber eher nicht. Ich kann mir vielmehr vorstellen, mich in Projekten außerhalb des Leistungssports einzubringen. Aber wann genau der richtige Zeitpunkt für das Karriereende kommt, weiß ich noch nicht. Vielleicht nach Los Angeles, vielleicht auch später. Brisbane 2032 mit 37 Jahren ist für mich noch ein großes Fragezeichen. Wichtig ist mir vor allem, dass ich nicht aufhöre, weil ich aufhören muss, sondern weil ich mich ganz bewusst dafür entscheide.“
Du hast gerade Projekte außerhalb des Leistungssports angesprochen. Kannst du das konkretisieren?
Niko Kappel: „Die Charity-Gala „Kleinformat“ ist ein Projekt, das mir enorm am Herzen liegt. Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit Partnern, Sponsoren und Freunden aus meinem Netzwerk 21.000 Euro für soziale Projekte gesammelt. Inzwischen haben wir sogar eine gemeinnützige Organisation daraus gegründet. Dieses Jahr wollen wir die Gala noch größer denken und, wenn alles gut läuft, zwischen 60.000 und 90.000 Euro ausschütten. Damit würden wir gemeinsam fast die 100.000-Euro-Marke erreichen. Besonders wichtig ist uns, Kinder und Jugendliche zu unterstützen und ihnen Chancen zu eröffnen. Zu sehen, welchen Unterschied solche Projekte für das Selbstvertrauen und die Entwicklung junger Menschen machen, erfüllt mich unglaublich.“
Wie eng verfolgst du als VfB-Athlet unsere Fußballprofis und was bedeutet es dir, für den VfB Stuttgart an den Start zu gehen?
Niko Kappel: „Wenn es die Zeit zulässt, bin ich im Stadion, ansonsten verfolge ich die Spiele von zuhause aus. Ich begleite den VfB schon seit vielen Jahren und habe die Entwicklungen der vergangenen Jahre wie jeder andere VfB-Fan miterlebt. Deshalb erfüllt es mich auch mit Stolz, das Brustring-Trikot tragen zu dürfen. Als Kind träumt man davon, einmal für den VfB aufzulaufen. Bei mir ist es zwar nicht der Fußball, sondern die Leichtathletik geworden, aber dieses Gefühl ist genau dasselbe. Mit dem VfB und seinen Werten kann ich mich voll identifizieren.“
Zu guter Letzt: Was traust du der Mannschaft in dieser Saison zu?
Niko Kappel: „Ich bin überzeugt, dass der VfB seinen erfolgreichen Weg weitergehen wird. Sebastian Hoeneß macht einen hervorragenden Job, und als Fan kann ich mich mit der Mannschaft absolut identifizieren. Natürlich wünsche ich mir, dass sich der VfB dauerhaft in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert und auch in der Champions League eine gute Rolle spielt. Mein Traum wäre ein Platz unter den ersten Vier, ein erneuter Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals und das Überstehen der Ligaphase in der Champions League. Aber unabhängig von den Ergebnissen bin ich stolz auf das, was sich beim VfB in den vergangenen Jahren entwickelt hat.“
ISTAF Berlin:
Das ISTAF Berlin (Internationale Stadtfest Berlin) gehört zu den traditionsreichsten und berühmtesten deutschen Leichtathletik-Meetings. Es findet an diesem Sonntag, 30. August 2026, im Olympiastadion statt. Laut dem aktuellen Zeitplan geht Niko Kappel um 12.10 Uhr im Para-Kugelstoßen Mixed an den Start.