Hallo Nick, herzlichen Glückwunsch zu deiner EM-Silbermedaille! Unmittelbar nach dem Wettkampf hast du im TV-Interview gesagt, dass du deinen Erfolg noch gar nicht realisieren kannst. Wie sieht es jetzt mit ein paar Tagen Abstand aus?
Nick Thumm: „Vielen Dank! Die Realität hat immer noch nicht wirklich eingesetzt. Wenn ich mir die Medaille anschaue und daran denke, dass ich jetzt Vize-Europameister bin, bin ich ehrlich gesagt nach wie vor sprachlos.“
Du hattest erst Anfang des Jahres eine neue persönliche Bestweite aufgestellt und diese im Qualifikationsdurchgang noch einmal getoppt. Hat sich das für dich über die Saison hinweg angedeutet?
Nick Thumm: „Nachdem ich beim Winterwurf meine Bestleistung aufgestellt hatte, lief die Saison eher durchwachsen, in der Osterzeit hatte ich zudem eine kleine Verletzung an der Schulter. Aber je näher die Deutsche Meisterschaft und die EM in Birmingham kamen, desto besser wurden die Würfe und Weiten. Natürlich plant man, dass die Leistungen zum Höhepunkt des Jahres zu 100 Prozent passen, aber dass es dann kommt, wie es kam, war dennoch etwas unerwartet. Es hat einfach alles funktioniert.“
Trotz deiner neuen persönlichen Bestleistung galtst du vor dem EM-Finale eher als Außenseiter. Hattest du trotzdem das Gefühl, dass du diese Leistung wiederholen oder sogar noch einen draufsetzen kannst?
Nick Thumm: „Ich hatte mit dem ersten und dem dritten Wurf im Finale jeweils um die 81 Meter erreicht. Da wusste ich, dass die Ausführung passt und dass noch mehr geht. Der Wurf über 83,76 Meter kam zum richtigen Zeitpunkt, aber er war auch der Lohn für das, was ich mir über die letzten Wochen und Monate erarbeitet habe.“
Vor dem letzten Versuch des zu diesem Zeitpunkt Zweitplatzierten Julian Weber lagst du in Führung, es herrschte Spannung bis zur letzten Sekunde. Wie hast du diese finalen Wettkampf-Momente wahrgenommen?
Nick Thumm: „Ich habe nach meinem Wurf über 83,76 Meter eigentlich fest damit gerechnet, dass jemand der anderen Finalisten noch weiter wirft. Dass es am Ende nur Julian gelingt, dazu noch mit einem EM-Rekord, ist doppelt schön. Zum einen für uns als Team Deutschland, das einen Doppelsieg feiern konnte, zum anderen aber auch für Julian selbst, der keine herausragende Saison erlebt hat. Ich gönne es ihm wirklich sehr.“
Hattet ihr während des Wettkampfs Kontakt und habt euch gegenseitig angefeuert?
Nick Thumm: „Ja, ich habe Julian während des Wettkampfs dazu angestachelt, dass er weiter werfen und sich nicht von mir ärgern lassen soll. Ich denke, das hat funktioniert (lacht). Jakub Vadlejch, der tschechische Finalist, kam wiederum während des Aufwärmens vor dem Finale zu mir und hat mir für meine persönlich Bestleistung in der Quali gratuliert. Das war auch sehr nett und zeigt, wie gut unser Verhältnis untereinander ist.“
Du bist jetzt seit etwa zwei Jahren beim VfB. Wie hat sich dein Trainingsalltag seitdem verändert und wie bewertest du deine Entwicklung?
Nick Thumm: „Ich kann mich jetzt noch besser auf den Sport fokussieren als davor. Meine Eltern sind gleichzeitig meine Trainer, sodass wir dem Sport auch innerhalb der Familie einen hohen Stellenwert zumessen können. Ich muss mir zum Glück auch keine Sorgen machen, dass ich mir ein Trainingslager oder auch Wettkampf-Reisen aus finanziellen Gründen nicht leisten kann. Ich spüre auf jeden Fall eine enorme Unterstützung von meiner Familie und dem Verein, die mich zusätzlich motiviert, jeden Tag aufs Ganze zu gehen.“
Du hast gerade angesprochen, dass du von deinen Eltern trainiert wirst. Wie teilen sich die beiden das auf?
Nick Thumm: „Meine Mutter ist vom Mehrkampf zum Dreisprung gekommen und trainiert mich jetzt in meiner Sprint- und Sprungkoordination. Mein Vater wiederum war selbst Speerwerfer und kümmert sich um alles Technische und das Krafttraining. Die beiden tauschen sich oft aus, sodass für mich persönlich eine gute Mischung entsteht.“
Wie sehen die kommenden Wochen und Monate für dich aus?
Nick Thumm: „Ende des Monats steht noch das ISTAF-Meeting in Berlin an und ich denke, dass danach erst einmal die Luft raus ist. Mit dem Training für die ersten Wettkämpfe des Jahres habe ich vergangenen Oktober begonnen. Wenn man dann noch verletzt kürzertreten muss, braucht man umso mehr Training, um wieder fit zu werden und auf sein eigentliches Leistungsniveau zu kommen. Das ist sehr kräftezehrend. Ich werde nach dem ISTAF-Meeting also erst einmal meine Ruhe brauchen und starte voraussichtlich zum Winterwurf Anfang März wieder mit Wettkämpfen.“
Im kommenden Jahr findet die WM statt, im Jahr darauf soll es für dich zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles gehen. Gilt deine volle Konzentration künftig diesen beiden großen Events oder versuchst du eher, von Wettkampf zu Wettkampf zu denken?
Nick Thumm: „Ich plane natürlich damit, versuche in erster Linie aber, ohne Druck an die Wettkämpfe ranzugehen. Man muss bedenken, dass ich erst einmal in die richtigen Meetings reinkommen muss, um mich für die großen Events zu qualifizieren. All das muss in der Jahresplanung beachtet werden. Aber ich bin noch relativ jung und es werden hoffentlich nicht die letzten Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften sein, die für mich in Frage kommen. Daher versuche ich, entspannt zu bleiben und gebe weiterhin mein Bestes.“