Im Rahmen der Ausstellung „Ein Trikot schreibt Geschichte“ fand am gestrigen Dienstagabend, 7. April 2026, im Foyer des Schauspiel Stuttgarts ein besonderer Themenabend statt. Unter dem Titel „Der VfB und das Staatstheater erinnern sich…“ wurde die Rolle beider Institutionen während der Zeit des Nationalsozialismus aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
Die mit rund 100 Gästen ausverkaufte Veranstaltung wurde vom Autor und VfB-Fan Bernd Sautter moderiert. Zum Auftakt begrüßten Andreas Grupp, Vizepräsident des VfB Stuttgart, und Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiel Stuttgart, die Gäste, unter ihnen Landtagspräsidentin Muhterem Aras. Andreas Grupp unterstrich gleich zu Beginn die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: „Die eigene Geschichte zu verstehen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese konsequent zu vertreten, das ist die daraus erwachsene Verantwortung des heutigen VfB Stuttgart. Dass wir dies heute gemeinsam mit dem Schauspiel Stuttgart tun, liegt nicht nur aufgrund der Örtlichkeit auf der Hand. Vielmehr ist es dieser Doppelpass unserer beiden Stuttgarter Institutionen aus Sport und Kultur, der ein deutliches Signal nach draußen senden soll.“
Das Staatstheater in der Zeit des Nationalsozialismus
Im Anschluss berichtete die Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Anat Feinberg in ihrem Vortrag „Erinnerung: Wie ‚entthronte Könige‘ des Theaters“ von einzelnen Schicksalen bedeutender Schauspielprotagonisten und setzte diese in den Kontext zur Geschichte des Staatstheaters während der NS-Zeit.
Der VfB und die Aufarbeitung seiner NS-Geschichte
Im darauffolgenden Gespräch ging es um den VfB Stuttgart und die unrühmliche Rolle Rolle des Vereins sowie seiner Verantwortlichen im Nationalsozialismus. Dr. Gregor Hofmann, Historiker und Autor der Publikation „Der VfB und der Nationalsozialismus“, sprach über damalige Geschehnisse, das Verhalten des Vereins und die wissenschaftliche Recherchearbeit zum Thema. Auch er betonte die grundsätzliche Bedeutung der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Vereinsgeschichte: „Für einen Verein, der so viel Wert auf Tradition und Geschichte legt, ist es eine wichtige Aufgabe, dieses Feld professionell zu bespielen. Ein Fußballverein hat keine Pflicht, seine Überlieferungen aufzuheben. Umso wichtiger ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass auch dieses Thema Kulturgut ist, um das wir uns kümmern müssen.“
Erinnerungskultur heute und Verantwortung für die Zukunft
Nach den Blicken in und auf die Vergangenheit folgte ein Perspektivwechsel hin zur Gegenwart und Zukunft. Im zweiten Talk des Abends diskutierten Andreas Grupp, Rainer Weninger, Vereinsbeiratsvorsitzender des VfB Stuttgart, und Burkhard C. Kosminski über Formen der Erinnerung sowie Wege des Wertetransports und der Wertevermittlung. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie Erinnerungskultur heute gestaltet werden kann und welche Verantwortung daraus für Gegenwart und Zukunft erwächst.
Andreas Grupp richtete den Blick auf die Weitergabe der Werte an den VfB-Nachwuchs: „Wenn wir im Nachwuchs über die Erinnerungskultur des VfB sprechen, steht nicht nur der Sport im Vordergrund. In Kooperation mit Partnern wie Makkabi Deutschland setzen wir auf Workshops zu beispielsweise Antisemitismus und Antidiskriminierung. Themen müssen nicht nur theoretisch vermittelt, sondern auch emotional erlebbar gemacht werden.“ Zugleich betonte er die gesellschaftliche Verantwortung des Vereins über den Profifußball hinaus: „Wir sind mehr als ein reiner Männerfußballverein. Themen wie Frauenfußball und Para- oder Transplantiertensport brauchen Raum und Sichtbarkeit. Das unterstützen und fördern wir.“
Rainer Weninger richtete noch einmal den Blick auf die Ausstellung, in der eine eigene Vitrine Trikots zeigt, die bereits in der Vergangenheit besondere Botschaften transportierten: „Über ein Sondertrikot – etwa mit dem regenbogenfarbenen Brustring oder der Aufschrift ‚Mein Freund ist Ausländer‘ – lässt sich Haltung zeigen. Das tun wir schon seit vielen Jahren und werden es auch weiterhin bewusst fortsetzen, weil wir damit viele Menschen erreichen.“
Burkhard C. Kosminski betonte: „Der VfB hat heute eine ganz klare Position. Für uns war sofort klar, dass wir im Zuge der Trikot-Ausstellung auch diesen Abend veranstalten und uns genau diesen Teil anschauen müssen. Für mich als Fan ist der Brustring heutzutage ein Zeichen für Vielfalt sowie gegen Antisemitismus und Rassismus.“
Bereichert wurde der Themenabend zudem durch Lesungen historischer Texte sowie ausgewählter Opferbiografien durch die beiden Ensemble-Schauspieler Gabriele Hintermaier und Marco Massafra.
Am Ende stand eine Veranstaltung, geprägt von interessanten Perspektivwechseln, die Besucher des Staatstheaters ebenso wie VfB-Fans mit neuen Eindrücken und Erkenntnissen nach Hause gehen ließ und verdeutlichte, wie wichtig gemeinsame Erinnerungskultur für das heutige Selbstverständnis beider Institutionen ist.