Am 20. Februar 2003, also fast auf den Tag genau vor 23 Jahren, trat zum ersten und bislang einzigen Mal eine Elf des VfB im Celtic Park in Glasgow an. UEFA-Cup, Flutlicht, 60.000 Zuschauer: Dass das kein gewöhnlicher Fußballabend werden würde, wusste die von Felix Magath trainierte Mannschaft schon vor ihrer Reise nach Schottland. Mit welcher Brachialität sie schlussendlich beim Gang durch den Spielertunnel empfangen werden würden, war dann aber so eindrucksvoll, dass es sich bei einigen der „Jungen Wilden“ bis heute eingebrannt hat.
„Zwanzig Minuten vor Anpfiff war das Stadion noch halbvoll“, erinnert sich Heiko Gerber. „Kurz darauf war es bis auf den letzten Platz gefüllt und alle haben die Hymne gesungen.“ Als „You’ll Never Walk Alone“ durch das Stadion schallt, läuft auch dem damals 20-jährigen Andreas Hinkel ein Schauer über den Rücken. „Ich weiß noch, dass die älteren Spieler wie Krasimir Balakov und Zvonimir Soldo, die bereits am Ende ihrer Karrieren waren, gesagt haben, dass sie so eine Atmosphäre noch nie oder wahrscheinlich selten erlebt haben.“
Auch mit dem Anpfiff verlor der Celtic Park nichts an seiner Atmosphäre. Timo Hildebrand bringt es auf den Punkt: „Es war überhaupt keine Kommunikation möglich. Jeder Zweikampf wurde gefeiert, jeder Pfiff kommentiert. Die VfB-Fans waren schon damals laut und in allen Stadien gut zu hören, aber in Glasgow sind sie etwas untergegangen. Es war eine der besten Stimmungen, die ich in meiner Karriere erlebt habe“, sagt der damals 23-Jährige. Heiko Gerber teilt diese Erinnerung: „Jedes Mal, wenn wir in Ballbesitz waren, wurden wir ausgepfiffen. Wir hatten große Schwierigkeiten bei der Verständigung.“
Erst Unterzahl, dann Führung – und am Ende trotzdem geschlagen
Sportlich startete die Partie turbulent. Schiedsrichter-Legende Pierluigi Collina verwies VfB-Abwehrchef Marcelo Bordon nach einer Notbremse des Feldes – denkbar ungünstig gegen eine gut aufgestellte Celtic-Elf, die später sogar bis ins UEFA-Cup-Finale marschieren sollte. Und trotzdem ging der VfB in Führung. Kevin Kuranyi traf zum 1:0. „Mein Gegenspieler war Bobo Baldé, der gefühlt 2,50 Meter groß war“, sagt er rückblickend. „Jedes Duell hat wehgetan. Aber ich war nicht eingeschüchtert von ihm oder der Kulisse, nur sehr beeindruckt. Mein Treffer hat mir zusätzlich geholfen, damit umzugehen.“
Kevin Kuranyi:
Wir hatten eine super Mannschaft und eine überragende Zeit.
Mit einem Mann weniger wurde es für die Magath-Elf jedoch zunehmend schwierig, schlussendlich drehten die Schotten die Partie und siegten mit 3:1. „Der Platzverweis für Marcelo hatte sicherlich einen Einfluss darauf, wie wir im weiteren Verlauf des Spiels mit dem spielerischen und akustischen Dauerdruck umgegangen sind. Auch im Rückspiel hat er gefehlt“, sagt Heiko Gerber rückblickend auf den Ausgang der Begegnung mit Celtic.
Mehr als nur ein Ergebnis
Im Rückspiel in Stuttgart kam der VfB nach einem frühen 0:2-Rückstand noch zu einem 3:2-Sieg, schied aber dennoch aus. „Ohne die beiden frühen Gegentore wäre eventuell noch etwas möglich gewesen“, sagt der heutige Cheftrainer der VfB-Frauen, der zwischen 1999 und 2007 für die Profis auflief.
Für die „Jungen Wilden“ war der Abend in Glasgow einer der prägendsten ihrer ganzen Karrieren. Denn auch wenn das Weiterkommen verpasst wurde, blieb dieser Europapokalabend mehr als nur ein Zwischenrunden-Duell. Celtic trat damals mit einer gefestigten Mannschaft an, die gespickt war mit internationaler Erfahrung und die es Ende mit ihrem Cheftrainer Martin O’Neill, der Celtic kurioserweise auch heute wieder trainiert, bis ins Endspiel schaffte. Der VfB hingegen befand sich mitten im Aufbruch und sollte mit seiner Mischung aus „Jungen Wilden“ und „alten Hasen“ auch nach dem Ausscheiden aus dem Europapokal noch für Aufsehen sorgen. „Wir hatten eine super Mannschaft und eine überragende Zeit“, schwärmt Kevin Kuranyi. Am Ende der Saison 2002/2003 lief der VfB auf Rang zwei der Bundesliga ein und feierte die Vizemeisterschaft.