Hallo Andy, in den Playoffs zur K.o.-Phase der UEFA Europa League trifft der VfB auf den Celtic FC. Du hast während deiner Profikarriere für beide Clubs gespielt. Wie sah deine Reaktion auf die Auslosung aus?
Andy Hinkel: „Ich habe die Auslosung nicht live angeschaut, konnte mir den Ausgang bei den zahlreichen Nachrichten aber irgendwann schon denken. Mein Handy stand nicht mehr still. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Celtic wird, war ja mit 50 Prozent recht groß. Ich freue mich für beide Seiten. Zum einen für die, die schon 2003 mit dem VfB in Glasgow dabei waren und sicher viele positive Erinnerungen damit verbinden, zum anderen aber auch für die Leute bei Celtic, mit denen ich seit meiner Zeit dort im Austausch bin und denen ich immer viel über den VfB erzählt habe.“
Vor 23 Jahren, am 20. Februar 2003, trat der VfB zum Achtelfinal-Hinspiel des UEFA-Cups beim späteren Finalisten Celtic Glasgow an. Das Hinspiel endete 1:3 aus VfB-Sicht, sodass der 3:2-Sieg im Rückspiel nicht fürs Weiterkommen reichte. Wie erinnerst du dich an das Duell, vor allem an das Hinspiel im Celtic Park?
Andy Hinkel: „Ich kann mich noch gut an das Spiel erinnern, weil sich die besondere Atmosphäre des Celtic Parks eingebrannt hat. Ich weiß noch, dass die älteren Spieler wie Kassimir Balakov und Zvonimir Soldo, die bereits am Ende ihrer Karrieren waren, gesagt haben, dass sie so eine Atmosphäre noch nie erlebt oder wahrscheinlich selten erlebt haben. Ich war relativ jung und konnte die Gänsehaut an meinem Körper nicht verhindern, als beim Einlauf ‚You’ll never walk alone‘ lief und das ganze Stadion gesungen hat. Das hatte ich so noch nicht erlebt. Leider lief das Spiel nicht nach unseren Vorstellungen und wir hätten im Rückspiel mit zwei Toren gewinnen müssen, aber nach den beiden frühen Gegentoren war es für uns nicht mehr zu drehen. Celtic hatte damals aber auch eine starke Mannschaft mit Spielern wie Stiliyan Petrov, Bobo Balde, Chris Sutton und Didier Agathe, mit denen sie schließlich sogar bis ins Endspiel gekommen sind. “
Später – zwischen Januar 2008 und Juni 2011 – spieltest du dann selbst für Celtic. In dieser Zeit gewann der Club eine Meisterschaft, einmal den Pokal und einmal den Ligapokal. Welche Eindrücke und Erinnerungen verbindest du darüber hinaus mit deiner Zeit in Schottland?
Andy Hinkel: „Die dreieinhalb Jahre in Glasgow waren sehr emotional und schön für mich. Ich habe während dieser Zeit geheiratet, außerdem sind unsere beiden ältesten Kinder auf die Welt gekommen. Die Stadt ist toll und bietet wirklich schöne Flecken. Fußball wird dort gelebt und man hat mit dem Celtic Park, dem Ibrox, also dem Heimstadion der Rangers, sowie dem Nationalstadion Hampden Park drei Stadien mit mindestens 50.000 Plätzen in Glasgow. Man spürt die Bedeutung, die der Fußball einnimmt, in der ganzen Stadt. Deswegen bin ich auch gerne dort, wie etwa im vergangenen September, als ich mit den Celtic Legends gegen Manchester United gespielt habe. Ich habe auch im Rahmen meiner Pro-Lizenz-Ausbildung während der ersten Amtszeit von Brendan Rogers bei Celtic hospitiert und sozusagen mein Auslands-Praktikum absolviert.“
Wie ist es, nun wieder hier in Glasgow zu stehen?
Andy Hinkel: „Glasgow ist eine Stadt mit viel Charme und vielen Facetten. Es ist immer sehr schön für mich, hierher zurückzukommen und nun wieder einmal die Orte, an denen wir uns damals im Alltag bewegt haben, zu sehen und das alles hier mitzuerleben. Das erinnert mich auf eine schöne Weise an die damalige Zeit.“
Wie schätzt du die aktuelle Lage bei Celtic ein?
Andy Hinkel: „Celtic erlebt ein sehr turbulentes Jahr. Sportlich lief es lange Zeit nicht gut und es gab bereits mehrere Trainerwechsel. Ich verfolge den Verein und schaue mir immer wieder Highlights oder ganze Spiele an. Da ist es in dieser Saison schon auffällig, dass die Zuschauerränge teilweise nicht voll sind. So etwas gab es zu meiner Zeit beim Club nicht. Für das Duell mit dem VfB kann sich das natürlich als Nachteil entpuppen, aber ich habe als Spieler selbst erlebt, welche Wucht der Celtic Park entfalten kann, gerade bei internationalen Spielen. Mit der besonderen Atmosphäre unter Flutlicht und den Fans im Rücken kann für Celtic einiges gehen. Für den VfB wird es dann wichtig sein, der Atmosphäre standzuhalten und kein Spiel zu erleben wie in der Champions League in Belgrad. Sonst wird es im Rückspiel schwer.“
Schlagen in deiner Brust am Donnerstag zwei Herzen?
Andy Hinkel: „Ja, das kann ich definitiv sagen. Ich werde zwei Gefühle in mir tragen, sowohl Freude als auch Trauer, unabhängig davon, wer sich am Ende durchsetzt. Ich glaube die meisten können das auch nachvollziehen. Während der Spiele kann ich mich zurücklehnen und schauen, wie es ausgeht. Aber egal, welches Team das glücklichere Ende erlebt: Ich hoffe auf zwei schöne Spiele mit toller Atmosphäre.“