Hallo Emiliano. Nach deinem Abschied aus Stuttgart Anfang 2020 hast du noch vier weitere Jahre in den USA und in deinem Heimatland Argentinien gespielt, ehe du deine Karriere beendetest. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Emiliano Insua: „Ich habe Stuttgart im Winter vor dem Wiederaufstieg verlassen und bin nach Los Angeles gegangen. Ich war wegen des Coronavirus nur ein Jahr dort und die Zeit war insgesamt etwas seltsam, auch, weil wir nicht so viele Spiele hatten und die Saison dadurch recht kurz war. Am Ende des Jahres habe ich mich entschieden, nach Argentinien zurückzukehren, weil ich 17 Jahre fernab meines Heimatlandes Fußball gespielt habe. In Argentinien habe ich noch drei Jahre gespielt, was ich sehr genossen habe, weil ich zuvor nie in der ersten argentinischen Liga unterwegs war. Ich war erst 18 Jahre alt, als ich nach Europa kam. Für mich waren es zum Abschluss daher drei gute Jahre. Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht und meine Freunde regelmäßig gesehen. Dazu kamen zwei Titel mit Racing. Es war eine schöne Zeit.“
Was treibst du seit deinem Karriereende?
Emiliano Insua: „Nach dem Ende meiner Karriere bin ich ins Geschäft meines Bruders eingestiegen. Er hat seit 17 Jahren eine Berateragentur und war auch mein Agent. Ich habe meine Erfahrungen als Profi einbringen können und bin nun sein Partner. Für mich war der Fußball mein Leben, er war alles für mich. Es ist sehr schön, Fußball genießen zu können. Heute versuchen wir, all unseren Spielern zu helfen, ihre Träume vom Profifußball zu erreichen.“
Du hast für den VfB insgesamt 85 Erst- und 40 Zweiligaspiele absolviert, was dich zum argentinischen Rekordspieler des Clubs macht, und in deinen viereinhalb Jahren in Bad Cannstatt eine turbulente Zeit durchlebt. Wie blickst du heute auf diese Phase in deiner Karriere zurück und verfolgst du die Bundesliga immer noch?
Emiliano Insua: „Ich habe mit meiner Familie fast fünf Jahre in Stuttgart verbracht und wir haben uns immer sehr wohlgefühlt. Ich habe mich von allen Clubs beim VfB am wohlsten gefühlt. Meine zwei älteren Kinder sind in Stuttgart aufgewachsen, haben den Kindergarten und das erste Schuljahr in Deutschland verbracht. Auch hier in Argentinien sprechen und lernen sie Deutsch. Wir mögen Stuttgart sehr und nehmen jede Gelegenheit an, in die Stadt zu kommen.“
Du hast vor zwei Jahren einmal gesagt, dass du auf jeden Fall kommen würdest, wenn der VfB und Atletico Madrid sich in der Champions League begegnen würden, egal wo. Werden wir dich kommenden Dienstag sehen?
Emiliano Insua: „Ja! Als die Anfrage des VfB kam, musste ich nicht überlegen, ich habe sofort zugesagt und sofort nach Flügen geschaut. Als ich dann noch passende Flüge gefunden habe, war ich sehr glücklich. Ich werde also kommen und freue mich sehr. Obwohl ich auch für Atletico gespielt habe, drücke ich dem VfB die Daumen.“
Du hast während deiner Zeit beim VfB auch mit Christian Gentner gespielt, der jetzt als Sportdirektor beim Club arbeitet. Wie hast du eure gemeinsame Zeit in Erinnerung behalten?
Emiliano Insua: „Christian war während meiner gesamten Zeit beim VfB unser Kapitän und ein sehr guter Freund in der Mannschaft. Er hat immer Englisch gesprochen und mir geholfen, mich in der Stadt, in der Mannschaft und in Bezug auf die Sprache zurechtzufinden, weil ich am Anfang zurückhaltend war. Christian war ein sehr guter Profi und es war toll, mit ihm zu spielen. Wir haben uns auch über die Zukunft ausgetauscht, wobei er immer gesagt hat, dass er auch nach der aktiven Zeit beim VfB arbeiten will. Und ich denke, dass die Erfolge zeigen, dass er einen guten Job macht. Das freut mich für ihn und die Mannschaft.“
Kannst du dir selbst auch vorstellen, eine solche Position einzunehmen?
Emiliano Insua: „Nein, für mich ist das nichts. Ich sage mir immer, dass ich zwar im Fußball arbeiten, aber mich nicht jeden Tag damit auseinandersetzen will, wie es ein Sportdirektor tun muss. Er hat das gleiche Leben wie wir früher als Spieler, wenn es nicht sogar noch mehr von einem abverlangt. Aktuell möchte ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.“
Zwischen Anfang 2013 und Mitte 2015 standest du bei Atletico Madrid unter Vertrag, wo dir im Sommer 2013 der Gewinn des spanischen Pokals und ein Jahr später der Gewinn der Meisterschaft gelang. Welche Bedeutung nehmen die Zeit in Madrid und die beiden gewonnenen Titel mit den „Rojiblancos“ für dich persönlich ein?
Emiliano Insua: „Für mich ist Atlético Madrid einer der größten Vereine, für die ich gespielt habe. Ich hatte dort eine Menge Spaß, habe allerdings nicht viel gespielt. Es war eine seltsame Phase. Der Brasilianer Filipe Luis war damals der gesetzte Linksverteidiger und ein sehr guter Spieler. So kam ich nicht zu vielen Einsätzen. Die Situation war ausschlaggebend dafür, Atlético Madrid zu verlassen. Ich war noch jung und habe mich dann für Stuttgart entschieden. Ich habe die Zeit dennoch in guter Erinnerung behalten, auch wegen der Titel.“
In Diego Simeone hat Atletico einen fanatischen Trainer, der seit mittlerweile fast 15 Jahren an der Seitenlinie steht. Du kennst ihn aus deiner Zeit bei Atletico selbst. Kannst du uns etwas über seine Persönlichkeit und seine Stellung im Verein sagen und erklären, wie er es geschafft hat, so lange Chefcoach eines so großen Clubs zu sein?
Emiliano Insua: „Er ist ein sehr talentierter und fanatischer Trainer und tritt immer so emotional auf, wie man ihn von der Seitenlinie kennt. Er rennt während des Spiels bestimmt zehn Kilometer auf und ab. Das kann von außen seltsam aussehen. Aber er hat einen guten Geist und eine gute Persönlichkeit. Er versucht immer, dem Team diesen Geist sowie Emotionen und Kampfeswillen zu übertragen. Atletico gibt nie auf, deswegen sind Simeones Charakter und seine Ideen ein Teil ihres Spiels, wenn man so will. Sie kämpfen und laufen immer weiter. Ich denke, dass der VfB sehr konzentriert sein muss, um Lösungen gegen Atletico zu finden. Hoffentlich können wir das Spiel gewinnen, aber es wird sehr schwierig.“
Was ist dein Tipp fürs Spiel?
Emiliano Insua: „Ich hoffe auf einen Sieg für Stuttgart, auch wenn es schwer wird. Daher tippe ich auf einen 2:1-Sieg.“